Investoren legen zunehmend Wert auf soziale Aspekte

  • Bernd Deeken
  • Berenberg

MÜNCHEN – Die Corona-Pandemie hat bei vielen Anlegern zu einem gewissen Umdenken geführt, sagt Berenberg-Manager Bernd Deeken. Eine Umfrage von Berenberg zeigt: Bei nachhaltigen Strategien soll es heute nicht mehr vor allem um den Schutz der Umwelt gehen, sondern auch um Arbeitsbedingungen und andere soziale Kriterien.


Ab hier folgt der unredigierte Kommentar von Bernd Deeken, Senior-Portfoliomanager bei Berenberg:

„Investieren gemäß ESG-Kriterien unterliegt stetigem Wandel: Im gleichen Zug, wie das Interesse der Anleger an ESG gestiegen ist, haben sich auch die Erwartungen verändert, an die Art und Weise, wie ESG-Investitionen getätigt werden sollten. Lange Zeit ist die soziale Komponente, das „S“, bei Investitionsentscheidungen hinter dem ökologischen, dem „E“, zurückgeblieben.
Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen haben jedoch bei einigen Investoren dazu geführt, die einzelnen Teilbereiche von ESG neu zu bewerten – und dabei soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen, gerechte Entlohnung oder Gleichberechtigung stärker in den Vordergrund zu stellen. Obwohl die Umwelt, insbesondere die Bekämpfung des Klimawandels, weiter Schwerpunkt des nachhaltigen Investierens bleibt, scheint Covid-19 den Fokus auf soziale Aspekte bei Investitionsentscheidungen verstärkt zu haben.

Aufschlussreiche Umfrage

Eine der wichtigsten Herausforderungen für Fondsmanager wird deshalb künftig darin bestehen, ihr ESG-Angebot neu zu justieren und dabei sicherzustellen, glaubwürdig auch soziale Themen zu adressieren. Auch wenn die Wirkungsmessung bei sozialen Themen nicht immer einfach ist, sollten soziale Faktoren relevanter Bestandteil nachhaltigen Investierens sein.
Laut unserer jüngsten Studie über die Einstellung von Investoren zu ESG-Themen hat das „S“ seit Ausbruch der Pandemie deutlich an Bedeutung gewonnen. Unsere Umfrage hatte unter anderem das Ziel, besser zu verstehen, wie die Pandemie die relative Bedeutung der einzelnen Themen „E“, „S“ und „G“ verändert hat. Darüber hinaus ging es um den Einbezug der UN-­Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) in Investitionsentscheidungen und um eine Einschätzung, welche ESG-Produkte in fünf Jahren am wichtigsten sein werden.
Die 112 Befragten stammen hauptsächlich aus Großbritannien und Deutschland und repräsentieren eine Mischung aus Vermögensverwaltern, Family Offices, Wohl­tätigkeitsorganisationen und Privat­anlegern. Sie wurden unter anderem gefragt, welcher ESG-Aspekt durch die Pandemie besonders an Bedeutung gewonnen hat. 47 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass das soziale Element von ESG wichtiger geworden sei, gefolgt von 35 Prozent, die als Antwort Umweltfaktoren wählten. Lediglich 18 Prozent entschieden sich für den Aspekt Governance.

Soziale Aspekte im Blick

Offensichtlich hat also Covid-19 die Befragten dazu veranlasst, mehr über soziale Faktoren nachzudenken. Hintergründe hierfür können sein, dass Ungleichheit, soziale Auswirkungen des eigenen Konsums und Fragen nach dem Wohlbefinden der Arbeitnehmer deutlicher hervortraten. So haben die Ausgangsbeschränkungen einiger Länder das Bewusstsein für bestehende Ungleichheiten geschärft – finanziell besser gestellte oder Menschen mit starkem sozialen Netzwerk konnten mit dem Druck durch Abriegelung und Pandemie besser umgehen.
Zweitens wurde durch Covid-19 eine Reihe von Entwicklungen angestoßen oder begünstigt, die den sozialen Bereich betreffen – etwa mit Blick auf digitale Zahlungen und Telemedizin. Darüber hinaus wurden auch Dienstleistungen wie E-Commerce und Lieferdienste für Lebensmittel immer häufiger in Anspruch genommen. In diesen Bereichen sind jedoch die Arbeitsbedingungen teilweise schlecht und die Arbeitnehmer einem höheren Risiko ausgesetzt, sich mit Covid-19 anzustecken.
Drittens hat die Pandemie den Fokus auf das Wohlergehen der Arbeitnehmer geschärft. Der Umgang der Unternehmen mit ihren Mitarbeitern und deren Unterstützung in dieser kritischen Zeit, zusätzlich zu bereits bestehenden Fragen zu fairen Arbeitsbedingungen, kamen bei vielen Investoren stärker ins Bewusstsein.
Die Umfrage zielte letztlich darauf ab herauszufinden, wie sich dieser Wandel in der Einstellung zu ESG auch auf Investitionen auswirkt und wie diese umgesetzt werden könnten. Auf die Frage, was in fünf Jahren das wichtigste ESG-Produkt sein würde, kristallisierten sich aktiv verwaltete ESG-Strategien als Favorit heraus. 19 Prozent der Befragten gaben ihnen den Vorzug vor anderen Produkten. Es folgten 17 Prozent, die sich für das Thema Impact Investments aussprachen, und 15 Prozent für Sustainability/SDG-linked Bonds.

Aktive Strategien gefragt

Auch wenn die Investorengemeinschaft insgesamt an einer breiten Palette von Produkten interessiert ist, könnten diese Ergebnisse darauf hinweisen, dass aktiv verwalteten Strategien eher zugetraut wird, positive Veränderungen herbeizuführen. Denn aktiv verwaltete Strategien haben eine größere Flexibilität, sich bei Nichterfüllung von ESG-Standards von Unternehmen zu trennen oder sich bei Unternehmen aktiv zu engagieren, die bestimmte ESG-Anforderungen noch nicht erfüllen.
Auch wenn die Reduzierung und Vermeidung von sozialen Risiken viel Aufmerksamkeit erfordern, geht es jedoch nicht nur darum, schlechte Praktiken zu vermeiden oder zu beheben. Angesichts des Nutzens, den ein Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen für die Gesellschaft erbringen kann, sollten auch die Investmentchancen im Zusammenhang mit sozialen Faktoren berücksichtigt und bewertet werden. Neben den Produkten und Dienstleistungen ist das aktive Engagement mit Unternehmen zu sozialen Faktoren eine wichtige Stellschraube, um Veränderungen zu messen und voranzutreiben.
Die zunehmende Bedeutung sozialer Faktoren ist in unseren Augen letztlich eine längst überfällige Entwicklung im Streben nach Nachhaltigkeit. Die Einbeziehung sozialer Faktoren und die Berichterstattung darüber sind jedoch mit Herausforderungen verbunden: Die Messung kann auf Unternehmens- und auf Anlageprozess­ebene unklar und uneinheitlich sein.
In der Vergangenheit konzentrierten sich soziale Messgrößen auf mitarbeiterbezogene Indikatoren (zum Beispiel die Zahl der Arbeitsunfälle). Es sollten aber weitere Messgrößen gesucht werden, die umfassender den sozialen Aspekt widerspiegeln und Aspekte des sozialen Wandels darstellen können. Im Gesundheitssektor könnte es zum Beispiel darum gehen, die Bereitstellung von und den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen zu messen und anschließend zu verbessern.

Kohärente Wirkungsmessung

Solche Aspekte sollten auf Branchenebene definiert werden, um die tatsächlichen Aktivitäten eines Unternehmens und seine Ambitionen zu bewerten. Sobald ein einheitlicher Rahmen vorhanden ist, können Benchmarks und historische Vergleiche dazu verwendet werden, Fortschritte zu überwachen, sie zu bewerten und mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten. Eine kohärentere Wirkungsmessung würde es sowohl Investoren als auch Unternehmen ermöglichen, enger zu kooperieren, um das „S“ von ESG stärker anzugehen und voranzutreiben – so wie es sich die Anleger wünschen.
Bis dahin ist es aber die Aufgabe der Fondsmanager, relevante soziale Aspekte in der eigenen Analyse stärker zu berücksichtigen und glaubwürdig in Investitionsentscheidungen einzubeziehen.

Bernd Deeken ist Senior-Portfoliomanager bei Berenberg. Er steuert den Fonds Berenberg Sustainable World Equities und betreut bei Berenberg Spezialmandate mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit für Stiftungen, kirchliche Einrichtungen und vermögende Privatkunden. Er verantwortet den Ansatz und die Selektion des Nachhaltigkeitsuniversums.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in TiAM – Trends im Asset Management 04/2021
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