Echte Nachhaltigkeit kennt keine Kompromisse

  • Tobias Mötsch
  • Produktmanager im Bereich Investmentfonds der UmweltBank

FRANKFURT – Standardisierte ESG-Ratings spielen inzwischen bei vielen Fonds eine wichtige Rolle. Doch nicht jeder Portfoliomanager will sich ausschließlich auf die Noten der Agenturen verlassen, wie Tobias Mötsch von der UmweltBank aus Erfahrung weiß. Sein Haus legt deshalb bei ESG-Fonds zahlreiche tiefer gehende Maßstäbe an.

Ab hier folgt die Marktanalyse von Tobias Mötsch, Produktmanager im Bereich Investmentfonds der UmweltBank:

„So vielversprechend die Idee der ESG-Ratings ist, so viele Fragen wirft die Umsetzung bei näherer Betrachtung auf. Wie kann es beispielsweise sein, dass der iShares STOXX Europe 600 Oil & Gas ETF im ESG-Rating der Agentur ISS mit vier von fünf Sternen so positiv abschneidet? Es ist ein ETF, der hauptsächlich in öl- und gasproduzierende Unternehmen investiert.

Unschärfen im Rating ...

Dieses Beispiel zeigt bereits die erste potenzielle Schwäche von ESG-Ratings: Sie basieren auf einer Vielzahl von Punkten, darunter natürlich auch soziale und Governance-Aspekte, wie guter Arbeitsschutz oder eine hohe Frauenquote. Wenn ein Fonds strenge Sozialstandards bei den Unternehmen im Portfolio anwendet oder auf eine starke Governance-Struktur achtet, kann allein dies zu einer positiven ESG-Bewertung führen, auch wenn ein Unternehmen eine schlechte Klimabilanz hat oder Rüstungsgüter herstellt.

… können zu Verwirrung führen

Um solche irreführenden Ergebnisse zu vermeiden, müssten die Produkte und Services eines Unternehmens viel stärker in die Bewertung einfließen. Hier setzt die UmweltBank bei der Zusammenstellung der hauseigenen UmweltSpektrum Fonds ganz andere Maßstäbe an.
In das Portfolio der drei Fonds der UmweltSpektrum-Familie – UmweltSpektrum Mix, Natur und Mensch – kommen nur Unternehmen, die hinsichtlich mindestens eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der UN einen positiven Beitrag leisten und darüber hinaus keines der anderen Ziele negativ beeinflussen. Gemessen wird dies am Umsatz der Firmen.

Keine Kompromisse

Kontroversen werden nicht geduldet, vor allem dann nicht, wenn es um fossile Energien, Atomenergie oder Rüstung geht – Toleranzgrenzen gibt es nicht. Verdient ein Unternehmen auch nur einen Bruchteil seines Umsatzes in diesen kritischen Bereichen, kann es nicht in das Portfolio der UmweltSpektrum-Familie aufgenommen werden.

Auch bei Konzernen, die sich neuerdings nach außen als klimafreundlich präsentieren, bislang aber eher zu den Klimakillern gehörten, ist Zurückhaltung angesagt. Investitionen in solche Unternehmen kommen erst dann infrage, wenn das Unternehmen seinen Transformationsweg zu einem nach UmweltBank-Maßstäben grünen Vorzeigeunternehmen nachweisbar abgeschlossen hat.

Grundsätzlich bevorzugt das Portfoliomanagement der UmweltSpektrum-Fonds kleine und mittelständische Unternehmen gegenüber Konzernen. Denn Global Player wie Meta oder Amazon erzielen im Industrievergleich oft gute ESG-Ratings, obwohl sie in zahlreiche Kontroversen verwickelt sind. Beide Unternehmen hatten in der Vergangenheit zum Beispiel mit Datenschutzverletzungen oder Arbeitsrechtsverstößen zu kämpfen. Allein deswegen sind beide Konzerne als Investment für die UmweltSpektrum-Familie ausgeschlossen.

Bürokratie bremst die Falschen aus

Im Gegensatz zu den Konzernen ist es für kleine und mittelständische Unternehmen sogar schwieriger, ein gutes ESG-Rating zu erhalten – selbst wenn ihre Produkte einen positiven Nachhaltigkeitsbeitrag leisten. Ein großer Stolperstein auf dem Weg zu einem hohen ESG-Rating sind die vielen Formalitäten, die dafür erfüllt werden müssen. Dazu gehört die Offenlegung umfangreicher Daten zu Umweltauswirkungen, Sozialstandards und Unternehmensführung.

Für große, global agierende Unternehmen ist das leicht umsetzbar, für kleine und mittelgroße Unternehmen – wie Windparkbetreiber oder Hersteller von Photovoltaikanlagen – ist der Aufwand unverhältnismäßig hoch oder gar nicht zu bewältigen. Denn sie verfügen oftmals nicht über die Ressourcen und das Know-how, um die geforderten Datenmengen zu liefern. Die Folge: häufig kein ESG-Rating oder ein schlechtes.

So erklärt sich auch, dass der UmweltSpektrum Natur mit drei Sternen ein mittelmäßiges ESG-Rating von ISS-ESG erhalten hat. Im Portfolio sind viele kleine und mittelgroße Unternehmen, die vom Fondsadvisor sorgfältig ausgewählt und von der UmweltBank in Eigenregie auf Nachhaltigkeit geprüft wurden. Für sie liegt aber oftmals kein offizielles ESG-Rating einer Ratingagentur vor.

Diese Tatsache benachteiligt nicht nur einige der klimafreundlichsten Unternehmen und Fonds, sondern vermittelt Investoren, die sich auf die ESG-Ratings verlassen, ein verzerrtes Bild von der jeweiligen Nachhaltigkeitsleistung. Wobei abhängig von der Ratingagentur die ESG-Ratings für ein- und dasselbe Unternehmen sehr unterschiedlich ausfallen können. Denn die Agenturen nutzen jeweils ihre eigenen Methoden, Gewichtungen und Datenquellen, was zu Diskrepanzen führt.

Wie ein ESG-Rating zustande kommt, legen bislang noch die wenigsten Ratingagenturen offen. Einblicke in die Bewertungskriterien und die Gewichtung einzelner Faktoren gibt es nur sehr begrenzt. Dies führt zu einer Intransparenz, die es Anlegerinnen und Anlegern erschwert, die Validität und Vergleichbarkeit von ESG-Ratings zu beurteilen.

UmweltBank mit eigener Prüfung

Die UmweltBank arbeitet zwar auch mit Ratingagenturen zusammen, sie führt aber parallel eigene Nachhaltigkeitsrecherchen durch und verlässt sich nicht auf die teils widersprüchlichen ESG-Ratings der Agenturen. Damit das Portfolio stets den eigenen strengen Kriterien entspricht, wird es regelmäßig überprüft. Erhält die UmweltBank über kontroverses Verhalten Kenntnis, wird das Unternehmen im Regelfall kontaktiert.

So musste Infineon aus dem Portfolio des UmweltSpektrum weichen, da das Unternehmen durch den Zukauf des US-Unternehmens Cypress zu einem Hersteller militärischer Ausrüstungen geworden ist – wenn auch nur zu einem geringen Teil. Das Recyclingunternehmen Befesa hingegen konnte ein Geruchsproblem durch eine neue Filteranlage beheben und blieb im Portfolio.

Aktiver Dialog von zentraler Bedeutung

Hinweise auf kritische Beteiligungen oder Geschäftspraktiken erhält die UmweltBank mitunter auch aus dem Kreis der Anlegerinnen und Anleger. Aktiver Dialog und Austausch sind für die UmweltSpektrum-Fondsfamilie im Sinne der Transparenz denn auch von zentraler Bedeutung. Ein weiterer Aspekt, den die Ratingagenturen noch deutlich verbessern könnten.“

Tobias Mötsch
ist seit 2022 als Produktmanager im Bereich Investmentfonds für die nachhaltigen UmweltSpektrum-Fonds der UmweltBank zuständig. Zuvor hat er seinen Master in International Business Studies an der Universität Erlangen-Nürnberg abgelegt.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in TiAM Eco 2023
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