Die Dominanz des Dollar geht rasant zurück

  • Stephen Jen
  • Eurizon

FRANKFURT – „Die US-Währung verliert ihre Bedeutung als Reservewährung schneller als weithin angenommen wird“, mahnt Stephen Jen von Eurizon SLJ. Vieles spreche dafür, dass sich die weltweite Vorherrschaft des Greenback allmählich ihrem Ende zuneigt. „Immer mehr Staaten suchen schon nach alternativen Reservewährungen“, sagt Jen.

Ab hier folgt der Marktkommentar von Stephen Jen, CEO und Co-CIO bei Eurizon SLJ:

„Der Dollar genießt bei internationalen Zahlungen eine sehr hohe Akzeptanz und liegt als Absicherungsinstrument in den Tresoren der Zentralbanken. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die US-Währung in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung verloren hat. Im Jahr 2001 entfielen noch stolze 73 Prozent der globalen Währungsreserven auf den Dollar, berechnete die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Ende 2022 war der Anteil nach unseren Berechnungen bereinigt um Wechselkursveränderungen auf nur noch 58 Prozent gesunken.

Marktanteil des USD als Reservewährung schrumpft

Unsere Berechnungen zeigen also eine starke Erosion des Status des Dollar als Reservewährung – und sie stellen die vorherrschende Meinung infrage. Die meisten Analysten berücksichtigten nämlich bei der Bewertung der vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Reservedaten die Wechselkursveränderungen nicht.

Der reale Rückgang des Marktanteils des Dollar als Reservewährung im vergangenen Jahr verlief in einem Tempo, das zehnmal höher war als im Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre. Wir glauben, dass dafür vor allem zwei Entwicklungen verantwortlich sind: Zum einen hat die jahrelange ultralockere Geldpolitik der internationalen Notenbanken zusammen mit dem Schock rund um die Corona-Pandemie dazu geführt, dass sich mehr Länder die Abkehr vom monopolaren, auf den US-Dollar und die Federal Reserve ausgerichteten Währungssystem wünschen. Die Welt ist multipolar geworden, und die letzten drei Jahre haben gezeigt, wie gefährlich es ist, wenn eine einzige Zentralbank einen Großteil der Welt mit abweichenden Wachstumstrends dominiert.

Suche nach Alternativen zum Greenback

Darüber hinaus hat der Krieg in der Ukraine die großen Reservehalter überrascht, bei denen es sich zumeist um Schwellenländer in Asien, Latein- und Südamerika sowie Afrika handelt. Eine ganze Reihe von Staaten machte sich daher auf die Suche nach Alternativen zum Greenback. Russlands Einmarsch in der Ukraine zog schließlich umfassende Sanktionen der USA und ihrer Verbündeten nach sich, und mancher Staat dürfte befürchten, dass ähnliche Sanktionen unter bestimmten Bedingungen auch gegen ihn eingesetzt werden und dann die Währungsreserven gefährden.

Könnte man von einem Zufall sprechen? Der beschleunigte Bedeutungsverlust des Dollar geschieht just zu einer Zeit, da sich der Kollaps des Bretton-­Woods-Währungssystems zum 50. Mal jährt. 1973 scheiterte die nach dem Tagungsort in New Hampshire benannte Weltwährungsordnung, die vom Dollar als Ankerwährung dominiert war. Inzwischen versuchen große Staaten wie Indien und China, ihre eigenen Währungen zu internationalisieren, während kleinere Länder damit experimentieren, sich vom US-Dollar unabhängiger zu machen.

USD als Reservewährung gefährdet

Dennoch gibt es zwei unterschiedliche Überlegungen zum Phänomen der Entdollarisierung. Einerseits ist die internationale Verwendung des US-Dollar angesichts seiner langen Geschichte und seiner weitverbreiteten Verwendung bei Transaktionen, sei es im Handel oder bei Investitionen, schwer zu unterbrechen. Andererseits hat sich die Strategie der Zentralbanken in Bezug auf ihre Devisenreserven im Lauf der Zeit geändert: Vor 15 Jahren begann die Position des US-Dollar als Reservewährung zu wackeln. Im Jahr 2022 kam es zu einer starken Abschwächung, die sich voraussichtlich fortsetzen wird.

Investoren sollten sich bewusst machen, dass die als „globaler Süden“ zusammengefassten Schwellenländer nicht mehr gewillt sind, den Greenback als Conditio sine qua non zu betrachten, auch wenn sie auf dessen Verwendung nicht gänzlich verzichten können. Wegen der großen, liquiden und gut funktionierenden Dollarfinanzmärkte haben Entwicklungsländer zunächst noch nicht die Möglichkeit, sich von den Dollartransaktionen zu verabschieden.

Der Fortbestand dieser Rahmenbedingungen ist gleichwohl nicht in Stein gemeißelt. Wir haben eine Studie veröffentlicht, die neue Belege für das liefert, was tatsächlich geschieht – nicht nur für das, was aufgrund von Theorien möglich erscheint. Im Jahr 2022 kam es zu einer erstaunlichen Entwicklung: Der handelsgewichtete Dollar wertete um elf Prozent auf, während die weltweiten Reserven um 0,4 Prozent zurückgingen. Es ist durchaus realistisch, dass der Dollar einen Großteil seines Nimbus als Reservewährung verliert, während er seinen Status als internationale Währung beibehält.

Der Schlüssel zur Entdollarisierung

Der Prozess des Übergangs von einer Dollar-dominierten Währungswelt zu einer multipolaren Welt dürfte somit begonnen haben. Um es mit der Kommunikation zu vergleichen: Die Weltbevölkerung könnte weiterhin Englisch als bevorzugte Sprache verwenden – das entspräche dem internationalen Währungsstatus –, ohne dass jeder in den USA Urlaub machen will – entspräche dem Reservewährungsstatus. Wir halten es für möglich, dass der Anteil des Dollar an den weltweiten Reserven im weiteren Verlauf dieses Jahrzehnts so weit sinkt, dass sein prozentualer Anteil an den Gesamtreserven auf dem Niveau des Euro und möglicherweise des chinesischen Yuan liegen wird.

Uns beschleicht jedoch das ungute Gefühl, dass die US-Administration die privilegierte Stellung des Dollar in der Welt als selbstverständlich betrachtet und weiterhin eine rücksichtslose Politik betreibt. Einfach weil sie glaubt, dass der Dollar dies aushalten kann.
Der Schlüssel, die US-Währung von ihrem Thron zu stürzen, liegt in der relativen Entwicklung und Stabilität auf den unterschiedlichen Finanzmärkten. Wenn sie außerhalb der USA florieren – also an Größe und Dynamik gewinnen, ohne instabil zu werden – und in den Vereinigten Staaten das Gegenteil passiert, könnte der Dollar untergehen. Dies ist nach unserer Einschätzung indes kein unmittelbares Risiko, auch wenn die Trends in diese Richtung gehen.

Realitätscheck angebracht

Derzeit wird sehr viel über die Entdollarisierung diskutiert. Dabei fällt auf, dass die meisten Dollarbefürworter aus den USA, Kanada, Großbritannien und Australien kommen, während diejenigen, die die andere Seite der Debatte vertreten, aus dem globalen Süden stammen, auf den der größte Teil der offiziellen weltweiten Währungsreserven entfällt.

Die aktuelle Lage präsentiert sich so, als würden die Manager eines Autokonzerns darauf bestehen, dass die Welt ihre Autos immer noch liebt, obwohl die meisten ihrer Kunden genau das Gegenteil behaupten. Obendrein will der Autohersteller gar nicht wissen, warum sich die Kunden von ihm abwenden. Wie wäre es stattdessen, dafür zu sorgen, dass das Fahrzeug gut gebaut und zuverlässig ist – und dass der Automobilgigant es dem Kunden nicht wegnimmt, wenn er dies für opportun hält?“

Stephen Jen ist CEO und Co-CIO von Eurizon SLJ. Von 1996 bis 2009 war er Managing Director bei Morgan Stanley, wo er verschiedene Funktionen innehatte, unter anderem als globaler Leiter der Währungsforschung. Zuvor war er als Ökonom beim IWF tätig.

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