Interview
Long-/Short-Strategien mit US-Aktien
John Gisondi nutzte den 87. Hedgework dazu, die Anlagestrategie der Man-Tocher GLG im Allgemeinen und seinen GLG North American Equity Alternative Fonds im Speziellen vorzustellen. Seine Einschätzung zu den Märkten und den weiteren Aussichten…
Chef-Fondsmanager,
North American Opportunity
Frankfurt, 15. September 2011
Hedgework: Herr Gisondi, derzeit sind die internationalen Aktienmärkte äußerst volatil. Ist das ein guter Nährboden für Long-/Short-Aktienhändler?
John Gisondi: Nach meiner Einschätzung wird dies ein äußerst interessantes Umfeld für Strategien bieten, die die traditionelle Long-/Short-Titelauswahl favorisieren. Die derzeitige Makrovolatilität wird konjunktur- und geldpolitische Maßnahmen erzwingen, die für eine Weile unterdurchschnittliche Wachstumsraten mit einher bringen. Eine schleppende Weltkonjunktur dürfte sich für Disziplinen auszahlen, die Unternehmen kaufen, die unabhängig vom Marktgeschehen wachsen können und gleichzeitig solche verkaufen, die auf ungesunden Füßen stehen, nicht die optimale Größe haben oder ungenügend strukturiert sind.
Hedgework: Wie schätzen Sie die Lage momentan ein? Kommt diese Sachlage den meisten Long-/Short-Aktienfonds zugute?
Gisondi: Die Welt tritt derzeit in die Endphase der Maßnahmen ein, die erforderlich waren, um die Auswüchse der letzten 10, vielleicht sogar der letzten 30 Jahre zu bekämpfen. Die konjunktur- und geldpolitischen Maßnahmen, die strukturelle Defizite, Verschuldung sowie monetäre Ungleichgewichte auf globaler Ebene bekämpfen sollen, bringen schmerzliche Entscheidungen mit sich. Das wird Arbeitsplätze vernichten, den Lebensstandard verringern und manchen Politiker das Amt kosten. Ich erwarte ein unsicheres Umfeld, das zwangsläufig einer Veränderung bedarf. Andererseits werden sich die Rahmenbedingungen langsam bessern und schließlich auszahlen.
Hedgework: Sie sind der Manager des GLG North American Equity Alternative. Wie behauptet sich Ihr Fonds vor diesem Szenario?
Gisondi: Wir streben an, fundamentale Stärken und Schwächen in Unternehmen und Branchen auszumachen, kombiniert mit dem taktischen Spielraum, der es uns erlaubt, jederzeit auf Veränderungen im Gesamtumfeld reagieren zu können. Anders gesagt beginnen wir mit einer fundamental orientierten Ausrichtung, verfolgen aber einen dynamischen Handelsansatz. Denn eine Strategie, die flexibel und bei jeder Marktlage gewinnbringend sein soll, muss auch den potenziellen Veränderungen des Marktes gewachsen sein.
Hedgework: Was macht einen guten Long-/Short-Aktienmanager aus?
Gisondi: Um erfolgreich zu sein, benötigt man talentierte Menschen, eine robuste Unternehmensstruktur und Prozesse in der Vermögensverswaltung, die Alpha-Generierung und Risiko austarieren. Ich glaube, die besten Analysten denken eher wie Portfoliomanager, statt einzelne Titel zu analysieren. Sie kennen ihre Unternehmen und Branchen sehr gut und bemühen sich insbesondere, verschiedene alphaträchtige Short-Transaktionen auszumachen. Da Fehler Geld kosten und sich die Märkte im Lauf der Zeit weiterentwickeln, müssen diese Prozesse rigoros und dennoch flexibel sein. Doch der möglicherweise wichtigste Aspekt besteht darin, dass die üblichen quantitativen Verfahren und Due-Diligence-Prozesse mit einer guten Portion gesundem Menschenverstand einhergehen müssen. Und das kommt in der Regel nur mit der Erfahrung.
Hedgework: Lassen Sie uns Ihren Fonds ein wenig im Detail erörtern. Welches sind seine wichtigsten Merkmale?
Gisondi: Was den GLG North American Equity Alternative angeht, besteht dieser in erster Linie aus Large- und Midcap-US-Titeln. Bei der Titelauswahl verfolgen wir einen Bottom-up-Ansatz mit einem Trading Overlay, während der Fonds eine Core-Position aufweist, die mit Sektorpositionen ergänzt wird. Ziel ist es, dem Fonds eine strukturelle Diversifizierung nach Sektoren und einzelnen Unternehmen zu verleihen, durch die sich attraktive Risikomerkmale hervorheben, die es uns aber gleichzeitig ermöglicht, optimal von der Konzentration unserer vielversprechendsten Anlageideen zu profitieren.
Hedgework: Beim 87. Hegdework-Event im August in Frankfurt sprachen Sie von dem Begriff ‚Hub-and-Spoke-Struktur‘. Welche Vorteile besitzt diese Struktur?
Gisondi: Durch den ‚Hub-and-Spoke‘-Ansatz bzw. den zuvor angesprochenen Core- und Sektoransatz können wir unser Kapital auf alle Sektoren verteilen und uns auf jene konzentrieren, von denen wir uns zu einem bestimmten Zeitpunkt die besten Ergebnisse versprechen. So erhalten wir eine Reihe von Sektorportfolios, die sich auf fundiertes Research ausgewiesener Sektoranalysten stützen und durch Short-Positionen in einzelnen Titeln ergänzt werden, die eine unabhängige Alpha-Generierung anstreben. Gleichzeitig stellen die Short-Positionen Sektorabsicherungen während turbulenten Marktphasen dar.
Hedgework: Durch welche Besonderheiten zeichnet sich Ihr Anlageprozess aus?
Gisondi: Jenseits des aus unserer Sicht sehr rigorosen, traditionell-fundamentalen Due-Diligence-Prozesses wollen wir mit unserem Ansatz sicherstellen, dass Chancen, die sich nach quantitativen Gesichtspunkten ergeben, aus taktischer Sicht gleichermaßen attraktiv sind. Es handelt sich um einen Prozess, bei dem wir versuchen herauszufinden, ob Situationen „überkauft“ sind oder von der Konsensmeinung abweichen. Wir betrachten quantitative Daten in Bezug auf Hegde-Fund-Positionen, Positionierung, Short-Positionen im Zinssektor und Optionspreisentwicklungen. Damit wollen wir sicherstellen, dass unsere Einschätzungen nicht bereits weitgehend im Kurs einer Aktie eingepreist sind. Dies hilft unserer Meinung nach bei der Optimierung der Ein- und Ausstiegspunkte und somit unserer Renditen.
Hedgework: Welches sind Ihre größten Long- und Ihre größten Short-Positionen?
Gisondi: Im Finanzsektor sehen wir einzelne Banken, die ihre Bilanzen saniert haben und trotzdem deutlich unterbewertet sind, selbst wenn man von einer pessimistischen Buchwertbewertung ausgeht. Einige der besten Medienunternehmen der Welt mit konkurrenzlosen Marken und echter Preismacht haben Möglichkeiten zum Einsatz ihrer Liquidität, die über die ohnehin bereits hohen Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe hinaus gehen, und zwar in Bereichen, die extrem attraktive Kapitalrenditen bieten. Wir haben Investitionen im Bereich Energieinfrastruktur getätigt, die angesichts ihres wiederkehrenden Ertragscharakters langweilig erscheinen mögen. In Wirklichkeit aber gehen wir davon aus, dass sich in den nächsten Jahren neue und noch unerkannte Ertragsquellen bieten werden. Auf der Short-Seite bietet die Abschwächung der Weltkonjunktur aufgrund des Abbaus von Konjunkturmaßnahmen und der unsicheren geldpolitischen Aussichten eine Fülle von Gelegenheiten für zyklisch orientierte Short-Positionen. Unternehmen etwa, deren Geschäft sich abschwächt, die dies aber nur zögerlich eingestehen und dadurch noch nicht die Aufmerksamkeit der Analysten auf sich gezogen haben.
Hedgework: Wie lange halten Sie an Ihren Positionen durchschnittlich fest?
Gisondi: Es gibt eigentlich keine generell anzuwendende Haltedauer für unsere Anlageideen. Alle sind in Abhängigkeit von ihren Impulsgebern und ihrem Risiko-Rendite-Profil individuell aufgebaut. Der Fonds ist in der Regel nach Ideen breit gestreut – dabei reicht die Haltedauer von einigen Wochen bis zu mehreren Jahren.
Hedgework: Sie bieten Ihre Strategie nunmehr in Form eines UCITS-Fonds an. Ist das wirklich die gleiche Strategie wie beim Cayman-Fonds? Oder sind Sie aufgrund der UCITS-Struktur eingeschränkt?
Gisondi: Wir waren an den nordamerikanischen Aktienmärkten traditionell hauptsächlich in sehr liquiden Aktien und transparenten Strategien engagiert. Daher erwarten wir von den UCITS-Anforderungen im Hinblick auf tägliche Liquidität oder von der Einschränkung von Leerverkäufen keine Schwierigkeiten. Aufgrund der breiten Diversifizierung dürften wir auch in Bezug auf größere Einzelpositionen bei zunehmendem Fondsvolumen unter keinen Einschränkungen zu leiden haben.
Hedgework: Last but not least ein Blick in die Zukunft. Wie lange wird dieses Auf und Ab an den Märkten noch weitergehen? Und was wäre erforderlich, um den Märkten eine kleine Verschnaufpause zu verschaffen?
Gisondi: Es gibt eine Reihe von Problemen, die zunächst gelöst werden müssen, damit die Volatilität zurückgehen kann. Die Solvenz europäischer Banken und die Staatsanleihenthematik stehen hierbei an erster Stelle. Solange die für die Lösung der Krise verantwortlichen Personen nicht überzeugend darlegen können, dass eine unkontrollierbare Eskalation der Krise schwerer wiegen würde als die Kosten für diese Lösung, werden die Unsicherheit und die Gefahr wirklicher Marktverwerfungen bestehen bleiben. Natürlich sind dies schmerzhaft teure und harte politische Maßnahmen, und ich habe den Eindruck, dass sich die Lage noch deutlich verschlechtern muss, bis wirkliche Fortschritte erzielt werden – ganz ähnlich wie in den USA, wo eine Reform der Sozialversicherung ohne Krise wohl kaum stattfinden wird.
Ich halte außerdem die Gewinnschätzungen in den USA für schlicht zu hoch – sowohl für den Rest des Jahres 2011, als auch für 2012. Da die Abschwächung erst vor kurzem eingesetzt hat, kann man nicht erwarten, dass die Unternehmen mit Sicherheit beurteilen können, inwieweit sie davon betroffen sind. Daher hat außer ein paar Top-Down-Strategen und Ökonomen bislang kaum jemand die Zahlen einzelner Unternehmen in Zweifel gestellt.
Hedgework: Was heißt das für Sie?
Gisondi: Ich gehe davon aus, dass mit Beginn der Gewinnmeldungen für das dritte Quartal im Oktober die negativen Gewinnkorrekturen für den Rest dieses Jahres und für 2012 ihren Höhepunkt erreichen werden. Ich denke, wenn dann wieder eine neue Gewinnbasis vorhanden ist und vielleicht in Europa Fortschritte gemacht wurden, werden sich die Märkte beruhigen und vor diesem Hintergrund wieder neues Vertrauen für Long/Short-Strategien schöpfen.
Herr Gisondi, wir danken Ihnen recht herzlich für dieses Gespräch.
Das Interview führte Uwe Lill.
Vita
John Gisondi ist Chef-Fondsmanager für den North American Opportunity und den US Interfund von GLG. Er ist Mitglied des Strategic Advisory Group und des Risk Committees. Gisondi kam im März 2000 zu GLG. Zuvor arbeitete er 7 Jahre bei Merrill Lynch in New York als Director in Sales Trading and Research Sales mit Verantwortlichkeit für Hedgefonds und Risikoarbitrage. John Gisondi hat einen BA cum laude in Ökonomie vom Amherst College und einen MBA der Harvard Business School.
Man Investment
blickt auf eine mehr als 225-jährige Geschichte zurück und gehört zu den globalen Marktführern im Bereich alternative Anlagen. Man bietet eine umfassende Palette an transparenten, dynamischen und themenorientierten Handelsstrategien des gesamten Liquiditätsspektrums und verwaltet derzeit ein Vermögen von rund 69 Milliarden US-Dollar.
GLG wurde 1995 gegründet und ist der Multi-Strategie-Spezialist von Man. Der Fokus liegt auf der Indentifizierung attraktiver Opportunitäten in den Bereichen Global Macro und Emerging Markets.
Kontakt
Rainer Fritzsche
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