Gastbeitrag

Kryptowährungen – Bitcoin & Co. beflügeln die Fantasie der Anleger

Der Boom um digitale Währungen erinnert an den Börsenhype rund um das Internet zur Jahrtausendwende, als die Kurse von Technologieaktien explodierten. 2017 waren es die Preise für digitale Währungen, die erst rasant anstiegen, um dann zum Jahresende abzustürzen. Was bleibt nach dem Hype? Experten sehen nach wie vor Potenzial, dass sich digitale Währungen als Anlageklasse etablieren und eine wichtige Funktion als kostengünstiges Zahlungsmittel übernehmen.


Dirk Wohleb

Dirk Wohleb ist freier Wirtschafts- und Finanzjournalist. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren für Tageszeitungen und Wirtschaftsmagazine. Thematisch liegen seine Schwerpunkte im Bereich Asset Management und Nachhaltigkeit.

Die Minen von heute fördern nicht mehr Kohle, Kupfer oder Gold, sondern schöpfen virtuelles Geld. Statt eines Baggers kommen weltweit vernetzte Hochleistungscomputer als Arbeitsgerät zum Einsatz. Um neues digitales Geld zu schaffen, müssen sie komplexe Rechenaufgaben lösen. Wie bei der bekanntesten digitalen Währung, dem Bitcoin. Mit dem rasanten Kursanstieg sind neue Mining-Farmen entstanden.

Die absurden Folgen dieses Booms zeigen sich auf Island, dem Eldorado für Bitcoin-Minen. Weil es dort reichlich Ökostrom gibt und die Minen ihre Server selbst im Sommer nicht kühlen müssen, sind hier viele Rechenzentren entstanden. Der Stromverbrauch der digitalen Farmen übersteigt den der Haushalte bei weitem, berichten Energieversorger vor Ort. Weltweit könnten Computer 2018 zur Produktion von Kryptowährungen so viel Strom verbrauchen wie Argentinien insgesamt, so die Prognose von Energieexperten.

Uwe Zimmer
Uwe Zimmer, CEO des digitalen Vermögensverwalters Fundamental Capital

Wie bei realen Rohstoffen, lässt sich auch beim Mining von Bitcoins der klassische Schweinezyklus beobachten: „Wenn der Preis für einen Rohstoff steigt, treten neue Anbieter in den Markt ein“, erklärt Uwe Zimmer, CEO des digitalen Vermögensverwalters Fundamental Capital. Tatsächlich sind im vergangenen Jahr zahlreiche Bitcoin-Minen entstanden. Mit dem steigenden Kurs wurde das virtuelle Geldschöpfen immer attraktiver. Dafür werden allerdings immer größere Rechnerkapazitäten benötigt. Derzeit sind knapp 17 Millionen Bitcoins im Umlauf, 21 Millionen Einheiten sind maximal möglich. Auf dieses Volumen ist die Zahl der Bitcoins beschränkt.

Der Kursanstieg von Bitcoins hat im vergangenen Jahr einen Run ausgelöst: Bitcoins und andere Kryptowährungen sind populär, werden zum Gespräch am Stammtisch und befördern den Traum von der schnellen Million. „Viele Menschen, die ihr Geld sonst lieber auf dem Sparbuch liegen lassen, interessieren sich nun für Bitcoins. Das erinnert stark an den Internethype Anfang 2000“, sagt Vermögensverwalter ­Zimmer.

Der Boom ruft neue Emittenten auf den Plan, die ihre große Chance wittern. Mittlerweile existieren rund 1.530 Kryptowährungen, die Anleger an spezialisierten Börsen handeln können. Davon wird indes nur ein kleiner Teil dauerhaft überleben, lautet die Analyse der US-Investmentbank Goldman Sachs in einer aktuellen Studie. Der Chef des Investment Research, Steve Stroning, sieht in den extrem starken Kursausschlägen Zeichen einer Preisblase. Noch im November 2017 wurde ein Bitcoin mit mehr als 20.000 US-Dollar gehandelt, kurz darauf brach der Kurs um 70 Prozent ein. Weil Behörden in vielen Industrie- und Schwellenländern über eine Regulierung der digitalen Währungen nachdenken, nimmt der Druck weiter zu. Was Stroning zusätzlich skeptisch werden lässt, sind die hohe Korrelation zwischen einzelnen Kryptowährungen und die daraus resultierenden Kursschwankungen.

Kryptowährungen sind zum Spekulationsobjekt geworden. Dabei gerät die ursprüngliche Idee einer digitalen Währung aus dem Blick. Sie entstand während der Finanzkrise 2008, als viele Banken infolge geplatzter Hypothekenkredite in den USA in eine finanzielle Schieflage gerieten. Sie gipfelte in der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers.

Ingo Rübe
Ingo Rübe, Gründer des Start-up BotLabs

Vor diesem Hintergrund kam der Bitcoin-Erfinder, der nur unter dem Pseudonym „Satoshi Nakamoto“ bekannt ist, auf die Idee einer Kryptowährung: „Er wollte damit zeigen, dass wir auch ohne die zentrale Instanz einer Bank in der Lage sind, Geldbeträge zu überweisen, und dass ein solches System sicher und vertrauenswürdig ist. Wenn man von der 2017 einsetzenden Spekulation und der Blasenbildung einmal absieht, ist ihm das auch gelungen“, sagt Ingo Rübe, Gründer des Start-up BotLabs, das neue Geschäftsmodelle rund um die Blockchain entwickelt. Der ehemalige Chief Technologie Officer (CTO) des Burda Verlags sieht die Kryptowährung positiv: „Das Bitcoin-Netzwerk ist seit zehn Jahren stabil und so sicher, dass es Werte im dreistelligen Milliardenbereich hält. Ein toller Erfolg!“

Wie jede Währung leben Kryptowährungen vom Vertrauen der Menschen: Nur im Unterschied, dass es hier keine zentrale Instanz gibt, die die Geldmenge steuert oder mit der Höhe des Zinses eine aktive Geldpolitik betreibt. Digitale Währungen sind weltweit verfügbar, kennen keine Grenzen und existieren ausschließlich im Internet. Banken oder weitere Instanzen sind nicht zwischengeschaltet, die Transaktionen werden von Rechner zu Rechner übermittelt und verbucht.

Für Vermögensverwalter Zimmer haben Kryptowährungen das Potenzial, sich zu einer eigenen Anlageklasse zu entwickeln: „Digitale Währungen können in einem Umfeld einer extrem hohen Verschuldung durchaus eine wichtige Rolle im Sinne einer Wertbewahrungsfunktion übernehmen. Weil die Zahl der Münzen nicht vermehrbar ist, könnten sich einige sogar als Alternative für Gold oder Silber etablieren.“ Schließlich misstrauen immer mehr Menschen angesichts der steigenden Schuldenlast vieler Staaten dem etablierten Geldsystem.

Kryptowährungen können auch als Zahlungsmittel Sinn machen: Voraussetzung dafür ist ein möglichst stabiler Wechselkurs gegenüber den Weltleitwährungen US-Dollar, Yen, Euro und Schweizer Franken. Der Vorteil der virtuellen Währungen: „Damit lässt sich schnell Geld in die entlegensten Winkel der Welt transferieren, ohne Gebühren bei einer Bank zu verursachen“, betont Zimmer. Wie weit die Entwicklung schon gediehen ist, zeigt der Finanzdienstleister Western Union: Er will jetzt die Kryptowährung Ripple für Überweisungen in exotische Ländern testen.

Spezielle Börsen bieten den Kauf und Verkauf von virtuellen Währungen an: Diese eigens für Kryptwährungen geschaffenen Handelsplätze unterliegen aber keiner Regulierung. Mit welchen Unsicherheiten der Handel verbunden ist, zeigt auch der größte virtuelle Währungsraub in Japan. Dort wurden Mitte Februar die Einlagen der Kryptowährung Nem im Wert von rund 300 Millionen Euro von Japans zweitgrößter Kryptowährungsbörse Coincheck entwendet. Kein Einzelfall. Die Liste der Angriffe auf Kryptobörsen ist lang.

Fehlende Standards rufen jetzt Regulierungsbehörden auf den Plan. Sie denken über strengere Regeln und eine Finanzaufsicht dieser Börsen nach. So setzt sich der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, für die Regulierung von Kryptowährungen ein. Thailand und die Notenbank in Katar haben den Handel mit digitalen Währungen bereits verboten.

Finanzprodukte bilden Kryptowährungen ab: Investoren können mit Hilfe von Finanzprodukten in Kryptowährungen investieren. So bietet Vontobel Partizipationszertifikate auf den Bitcoin an, mit denen Anleger eins zu eins an steigenden wie andererseits auch an fallenden Bitcoin-Kursen partizipieren. Die Laufzeit ist unbefristet, die Papiere werden an den Börsen Frankfurt und Stuttgart gehandelt. Auch in die zweitgrößte Kryptowährung Etherum können Anleger mit Hilfe von Zertifikaten skandinavischer Emittenten investieren. Etherum zielt allerdings vordergründig nicht darauf ab, eine eigene Währung aufzubauen, sondern sich als Plattform für Smart Contracts und dezentrale Anwendungen zu etablieren.

Ein weiterer wichtiger Schritt steht noch bevor: Derzeit warten 14 Anbieter in den USA auf die Erlaubnis der Börsenaufsicht SEC, einen börsengehandelten Indexfonds (ETF) auf Bitcoins aufzulegen. Einige Anbieter wollen mit neuen Produkten auch den kürzlich gestarteten Bitcoin-Futures abbilden. Allerdings steht die SEC den Initiativen skeptisch gegenüber: Sie hat Bedenken im Hinblick auf die Liquidität und die Bewertung der Produkte.

Lars Reiner
Lars Reiner, Gründer und Geschäftsführer des digitalen Vermögensverwalters Ginmon

„Ein Bitcoin-ETF – sollte er jemals kommen – wäre jedenfalls ein absurdes und in sich paradoxes Finanzprodukt“, zeigt sich auch Lars Reiner, Gründer und Geschäftsführer des digitalen Vermögensverwalters Ginmon, sehr kritisch. Der Grund: Bitcoin-ETFs würden die Grundidee von börsengehandelten Indexfonds, breit zu investieren und damit Risiken zu streuen, konterkarieren. Reiner sieht zudem eine steigende Gefahr dafür, dass solche Produkte die ohnehin starken Kursausschläge der digitalen Währung noch weiter vergrößern. „Es ist schon bedenklich, wenn in Deutschland, dem Land mit einer Aktionärsquote von nur rund sieben Prozent, Verbraucher plötzlich Bitcoins kaufen wollen, die um ein Vielfaches riskanter sind als Aktien etablierter Unternehmen“, kritisiert Reiner. Er plädiert vielmehr für einen ETF auf mehrere Krypto­währungen.

Die viel diskutierte Blockchain-Technologie, auf der die Bitcoin & Co in der Regel technologisch basieren, bietet auch abseits von Kryptowährungen enorme Chancen. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die Transaktionen im Internet abwickelt, wie bei einem Buchhaltungssystem, bei dem alle Beteiligten als dezentrale Buchhalter agieren. „Im Gegensatz zu herkömmlichen Systemen, bei denen es immer eine zentrale Instanz gibt, wie ein Kassenbuch, ein Grundbuch oder eine Datenbank, existieren bei der Blockchain Unmengen von Buchhaltern, die alle identische Kopien des Buchs verwalten“, erklärt Rübe. Wenn es zu einer neuen Transaktion kommt, wird sie von allen Buchhaltern geprüft und dezentral auf allen Rechnern gespeichert. „Dies erhöht die Sicherheit der Aufzeichnung ganz enorm, da keine einzelne Instanz, sondern viele unabhängige Stellen über die Wahrheit wachen.“

Der zweite fundamentale Unterschied ist die Transparenz: „Alle Beteiligten haben Einblick in die Blockchain. Dies verhindert Zensur und Machtmissbrauch von zentralen Instanzen“, erklärt Rübe die Vorteile. Ein Verschlüsselungssystem sorgt dafür, dass die Daten anonym transferiert werden und sicher sind.

Blockchain-Technologie revolutioniert das Internet: „Ich vermute, dass das Internet in den kommenden Jahren durch die Blockchain-Technologie komplett auf den Kopf gestellt wird“, so Blockchain-Experte Rübe. Er sieht darin vor allem die Chance, die Marktmacht großer Konzerne zu reduzieren. Viele große Anbieter wie der Wohnungsvermittler AirBnB oder der Fahrdienst Uber verfügen über eine zentrale Datenbank, in der sie alle Informationen zu Taxis und Wohnungen verwalten. Eine Alternative wären unabhängige Datenbanken, auf denen die Menschen diese Informationen direkt miteinander austauschen.

Bei einer dezentralen Datenbank in der Blockchain könnten die Menschen ihre freie Wohnung oder eine Mitfahrgelegenheit angeben, ohne dass ein zwischengeschaltetes Unternehmen dafür noch Gebühren kassiert. „Die Blockchain kann einen wichtigen Beitrag leisten, dass Daten nicht so stark in der Hand von Unternehmen und wieder mehr unter Kontrolle der Menschen sind“, lautet das entsprechende Fazit von BotLabs-Gründer Ingo Rübe.