Gastbeitrag

„Smart Beta“: Aussicht auf ­zusätzliche Rendite

Die Frage „Alpha“ oder „Beta“ entzweit seit Jahren die Zunft der Portfoliomanager. Inzwischen verschafft sich aber der „Smart Beta“-Ansatz immer mehr Beachtung. Smart Beta fußt auf der Überzeugung, dass alle Indexkomponenten gleich gewichtet werden sollten. Als eine Synthese aus Alpha und Beta basiert der Ansatz zwar auf aktiven Strategien, die aber nicht von Portfoliomanagern umgesetzt werden, sondern systematisch anhand von klar definierten Regeln. Die Weiterentwicklung ist Smart Beta 2.0.


Dr. Jan Viebig,
Harcourt Investment Consulting AG

Beim Lesen von Fondsunterlagen sehen sich Anleger unweigerlich mit allen möglichen Variationen von Alpha, Beta oder anderen griechischen Buchstaben konfrontiert. Die Begriffe Alpha und Beta bringen dabei einen fundamental unterschiedlichen Ansatz zum Ausdruck: Sie stehen für den aktiven (Alpha) beziehungsweise den passiven (Beta) Investmentstil. Diese zwei Denkschulen spalteten die Fondsbranche jahrzehntelang in zwei Lager.

Beim aktiven Investmentansatz analysieren Portfoliomanager Unternehmensdaten oder suchen nach Mustern in Kurszeitreihen. Als Stockpicker sind sie auf der Suche nach attraktiven Einzeltiteln. „Alpha“ steht gemeinhin für die Rendite, die auf Entscheidungen des Portfoliomanagers zurückzuführen ist – das Gütesiegel aktiver Investmentstrategien. Wer einen Fonds aktiv verwaltet, anstatt Marktindizes passiv nachzubilden, muss den Index schlagen, um die höheren Gebühren zu rechtfertigen. Der Übervater dieses Ansatzes ist US-Investor Warren Buffett, der seit Jahrzehnten ein goldenes Händchen bei der Auswahl von Unternehmen beweist.

Die Anhänger des passiven Investmentstils orientieren sich hingegen an John C. ­Bogle, der als Pionier kostengünstiger Indexfonds gilt. „Beta“ bezeichnet jenen Teil der Portfolio­rendite, der von den allgemeinen Schwankungen eines Marktes abhängt. Zugleich ist Beta – die durchschnittliche Rendite eines Marktes – auch das Ziel passiver Anlagestrategien.
Dieser Ansatz kam wohl nicht ganz zufällig in den 1970er-Jahren auf, als sich die Vorstellung durchsetzte, Märkte seien effizient. Geht man von dieser Annahme aus, so sind Aktien stets fair bewertet, denn ihr Preis spiegelt zu jeder Zeit alle zur Verfügung stehenden Informationen wider.

In einer Welt effizienter Märkte genügt es, mit einem Fonds einfach einen anhand der Marktkapitalisierung der Einzelwerte gewichteten Index wie den S&P 500 oder den MSCI World nachzubilden. Allerdings ist die Welt selten so ideal: Robert Shiller, einer der einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit und Träger des Wirtschaftsnobelpreises, hat den Glauben an effiziente Märkte einmal als einen der größten Fehler in der Geschichte des ökonomischen Denkens bezeichnet. Schließlich führen Gemütszustände und Triebe wie Angst oder Gier dazu, dass Menschen oft irrational handeln.

In der aktuellen Diskussion favorisieren immer mehr Asset Manager „Smart Beta“. Doch was ist das Besondere an dieser Strategie? Kurz gesagt fußt dieser Stil auf neuen Denkmustern, beispielsweise der Überzeugung, dass alle Indexkomponenten gleich gewichtet werden sollten. Der Ansatz – gewissermaßen eine Synthese aus Alpha und Beta – basiert zwar auf aktiven Strategien. Diese werden aber nicht von Portfoliomanagern umgesetzt, sondern systematisch anhand von klar definierten Regeln.

Der herkömmliche Smart Beta-Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass für die Gewichtung der einzelnen Bestandteile nicht die Marktkapitalisierung, sondern andere Aspekte eine Rolle spielen. Bei gleichgewichteten Smart Beta-Ansätzen erhalten alle Einzelwerte die gleiche Gewichtung unabhängig von ihrer jeweiligen Marktkapitalisierung.

Diese Überlegung hat Einiges für sich. Da Märkte oftmals übertreiben, ist es nicht zwingend optimal, die Einzelwerte in einem Portfolio in Proportion zu deren Marktkapitalisierung zu gewichten. Der bekannte Finanzökonom Jack Treynor hat darauf hingewiesen, dass überbewertete Aktien in marktgewichteten Indizes systematisch überrepräsentiert und unterbewertete Aktien unterrepräsentiert sind.

Alternativ können Aktien auch anhand ihrer Volatilität gewichtet werden. Beim „­Minimum Volatility“-Ansatz wird ein Algorithmus zur Berechnung der Gewichtungen der Einzelwerte angewendet, der sicherstellen soll, dass die Wertschwankungen des Port­folios minimiert werden. Bei dem als „Fundamental Indexing“ bezeichneten Ansatz sind Dividendenrendite, Kurs-Buchwert-Verhältnisse oder andere Kennzahlen für die Gewichtung der Einzelwerte ausschlaggebend.

Abb1: Aktien und Anleihen im Vergleich zum Harcourt Smart Beta 2.0 Index

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Quelle: Datastream; Vontobel Asset Management

Allerdings wird an solchen Ansätzen der ersten Generation bemängelt, dass Anleger mit ihnen oftmals sehr konzentrierte Risiken in einzelnen Branchen („Sector Bias“), niedrig bewerteten Titeln („Value Bias“) und Werten mit einer niedrigen Marktkapitalisierung („Size Bias“) eingehen. Ist beispielsweise die Dividendenrendite maßgebend, dann führt dies oftmals dazu, dass im Portfolio Versorger wie RWE sehr stark und Technologiewerte wie SAP sehr gering oder gar nicht gewichtet werden.

Das gleiche Problem hoher Konzentratio­nen tritt beim „Minimum Volatility“-Ansatz auf. „Minimum Volatility“-Indizes weisen grundsätzlich eine ähnliche Wertentwicklung auf wie traditionelle marktgewichtete Indizes: Während der Finanzkrise 2007 bis 2009 sind beide Indizes stark eingebrochen.

Während Smart Beta-Ansätze der ersten Generation also einige Nachteile aufweisen, sind die Strategien der zweiten Generation richtig „smart“. Das Ziel von „Smart Beta 2.0“ ist es, Anlegern einen kostengünstigen Zugang zu alternativen Risikoprämien zu verschaffen. Diese werden primär von der Handelsstrategie bestimmt, die Investoren verfolgen. Traditionelle Risikoprämien hängen hingegen in erster Linie von den Anlageklassen ab, in die Anleger investierten. Zu den in der Literatur gut dokumentierten Alternativen zählt beispielsweise die „Momentum“-Risikoprämie.

Solche alternativen Strategien unterscheiden sich deutlich von sogenannten „Replikationsprodukten“, die versuchen, einen mehr oder weniger willkürlich gewählten Hedgefonds-Index nachzubilden. Sie zielen vielmehr darauf ab, durch die direkte Anwendung von systematischen Investmentstrategien empirisch gut dokumentierte alternative Risikoprämien zu erwirtschaften. Bei „Smart Beta“-Strategien der zweiten Generation sind hingegen die richtige Auswahl und Mischung der alternativen Risikoprämien entscheidend.

Anti-Stress-Strategie: „Smart Beta“-Strategien der zweiten Generation können innovative Diversifizierungsvorteile bieten. Dies vor allem in Stressphasen an den Finanzmärkten, in denen die geringeren Korrelationen mit traditionellen Anlageklassen und die begrenzten Verlustrisiken ihre Vorteile entfalten und sich positiv auf traditionell ausgewogene Portfolios auswirken können.

Vita:

Dr. Jan Viebig, CFA, ist seit September 2012 bei Harcourt Investment Consulting AG als CEO und Head of Alternative Investments tätig. Er ist zudem Mitglied des Management Committee und des Investment Committee. Zuvor arbeitete er von 1999 bis 2009 bei DWS und leitete anschließend von 2010 bis 2012 als Head of Emerging Markets Equities bei Credit Suisse in Zürich das Investment Team.

Unternehmensporträt:

Harcourt ist Teil von Vontobel und kombiniert die Expertise einer unabhängigen Schweizer Privatbank mit der Innovationskraft eines aktiven internationalen Vermögensverwalters. Innerhalb des „Multi Boutique“-Ansatzes von Vontobel Asset Management hat sich Harcourt auf die Verwaltung alternativer Anlagen spezialisiert.